Seegang

Ich übernachte bei S., und obwohl wir uns seit Ewigkeiten kennen und sie ein Kingsize-Bett hat, auf dessen linker Seite sie sich zum Schlafen in Embryohaltung zusammenfaltet, schlafe ich in einem eigenen Kingsize-Bett im Gästezimmer. Auch nach längerem Nachdenken fällt mir niemand in Deutschland ein, der nicht über ein Kingsize-Bett verfügt.  „Ich könnte nicht mehr in so einem Single-Bett schlafen”, sagt S. “Ich meine, klar bin ich Single, aber deswegen will ich kein Single-Bett. Weißt du, was N. mir gesagt hat? Ihr Freund hat ein normales Bett, und deswegen können sie nie bei ihm übernachten!”.

Sie redet weiter und ich schweife ab, denke daran, wie die Matratzen auf dem Dach von Kombis drei Stunden über Erdwege von Oxapampa nach Pozuzo transportiert wurden, und dass nur so viele bestellt wurden, wie auch neue Betten gebaut wurden. Selbst gebaut, aus Tropenholz, mit einfach ausgesägten Holzlatten als Lattenrost. Dass die Matratzen ausgetauscht wurden habe ich nie gesehen, dafür aber anhand der Dellen erkannt, was die Lieblingsschlafposition des Besitzers ist. Junge Pärchen und Ehepaare, mit und ohne Kind oder manchmal auch Geschwister teilen sich ein Bett, das S. als “Single-Bett” bezeichnet hätte.

Ich denke daran, wie normal es war, mich einfach dazulegen zu können, in ein Single-Bett, das keines ist, zu zweit oder auch mal zu dritt. Einzuschlafen, während der Regen auf das Wellblechdach prasselt. Aufzuwachen, weil sich jemand über die Holzbretter nach draußen schleicht. Einmal erwischte mich das Fieber, während ich noch auf dem Weg zu R.s Chacra war. Kaum angekommen, legte ich mich auf das nächstbeste Bett, draußen rauschte der Regen und ich träumte von hohen Wellen und dem tosenden Meer, von knarzenden Planken und schwankenden Schiffen im Wind. Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit verging, bis ich R. wieder vor mir erahnen konnte, wie sie Tee und Suppe kochte und sich schließlich auch schlafen legte, mit N., die sich an sie kuschelte, während Wind und Wasser um uns zu Höchstformen aufliefen.

Fändest du das nicht auch total beengend?”, sagt S..  „Nein”, will ich sagen, oder  „Doch, vielleicht schon”, aber ich weiß es nicht, schweige und fühle mich ein bisschen zwischen Welten.

Nach dem Dschungelregen.
Nach dem Dschungelregen.

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