Verkehr in Lima

Nichts verbinde ich enger mit Lima als endlose Kombifahrten. Unzählige der weißen Colectivos mit bunten Anstrichen quetschen sich Seite an Seite mit Taxis und Privatautos durch die verstopfte Stadt. Lima la Gris, die Graue, wie die Wüstenhauptstadt unter Einheimischen genannt wird, könnte kaum bunter sein. Das Anthrazit des Küstennebels, der Gebäude und Abgase verschwindet fast vollständig im Hintergrund der bunten Leuchtreklame und hupenden Autokolonnen. Will man irgendwo einsteigen, in ein Colectivo oder ein Taxi in Lima, reicht ein nachlässiges Winken, ein ausgestreckter Arm, und schon ist man mittendrin.

Lima wäre nicht Lima ohne die unzähligen Colectivos.
Lima wäre nicht Lima ohne die unzähligen Colectivos.

Die sogenannten Cobradores, Abkassierer,  brüllen in ewigem Singsang ihre Routen aus offenen Türen.  Mit Schildern und Münzen schlagen sie gegen Scheiben, um mögliche Fahrgäste auf sich aufmerksam zu machen und diejenigen zu übertönen, die es ihnen gleichtun. Einige Fahrer lassen gutmütig die Straßenverkäufer mit ihren Nüssen, Bananenchips („Chifles, hay chifles, hay chifleshaychifleshaychiiiifleees“) oder Menschen ein, welche mit großen Gesten dramatische Geschichten zum Besten geben.

Besonders in den Randbezirken von Lima sind die Straßen gefüllt mit Motocars.
Besonders in den Randbezirken von Lima sind die Straßen gefüllt mit Motocars.

Es entsteht ein Orchester des organisierten Chaos. Alles wirkt verworren und unübersichtlich, und dennoch scheint jeder ein Ziel zu haben.

Inseln der Erinnerung

Wie immer, wenn ich mich durch den Verkehr in  Lima bewege, orientiere ich mich weder an Straßenschildern noch Haltestellen, sondern an auffälligen Graffitis, Parkanlagen und Brücken. Es grenzt an ein Wunder, dass meine willkürlichen Orientierungspunkte auch über Jahre hinweg nicht einfach verschwinden. Stattdessen werden sie zu Inseln der Erinnerung, tauchen immer dann aus dem regen Verkehrsfluss vor mir auf, wenn ich glaube, mich nun doch verloren zu haben.  Ich weiß, wo ich umsteigen muss, an welcher Kreuzung ich am Besten meine Route wechsle, wie ich zu Märkten und Überlandbussen gelange.

Lima ist gigantisch, und das zeigt sich auch im Verkehrsnetz der Millionenmetropole.
Lima ist gigantisch, und das zeigt sich auch im Verkehrsnetz der Millionenmetropole.

Das einzige, was ich nicht weiß, ist, wie lange es dauern wird. Ich steige ein ohne zu wissen, wann ich ankomme. Denn wenn ich etwas über den Verkehr in Lima gelernt habe, dann das:

  1. Der Verkehr in Lima ist immer für eine Überraschung gut. Man weiß nie, wen man trifft und wo man unterwegs überall landen wird. Jede Fahrt ist eine Reise für sich, so einzigartig wie jedes einzelne der 43 Stadtviertel in Lima.
  2. Mit „Hora Punta“ ist die peruanische Rush Hour gemeint. Auch wenn in ganz Peru sonst nie etwas auf den Punkt genau ist: Der Feierabendverkehr ist es! Momente, in denen die Straßen frei vor einem liegen und man die Costa Verde entlangbrausen kann, gibt es jedoch ebenfalls – wenn auch leider selten und meistens ausschließlich in den frühen Morgenstunden zwischen zwei bis vier Uhr nachts in Lima.
  3. Die Sitzplatzanzahl eines Fahrzeugs steht in keinerlei Verhältnis zur Anzahl der Passagiere, die es befördert!

Einige der Haltestellen, die an sich gar keine festen Orte, sondern lediglich grobe Anhaltspunkte für Ein- und Ausstieg darstellen, setzen sich für immer in meinem Gedächtnis fest: Paraíso. Plaza San Miguel. Jockey Plaza. Ovalo Santa Anita. Javier Prado con Aviación. Javier Prado con la Panamericana. Clínicas Javier Prado. Der unendliche  Javier Prado scheint allgegenwärtig zu sein in Lima, genauso wie die Menschen.

Im Zentrum kein ungewöhnlicher Anblick: ein Panzer auf Limas Straßen.
Im Zentrum kein ungewöhnlicher Anblick: ein Panzer auf Limas Straßen.

Manchmal bilden sich ewige Schlangen am Straßenrand, die ihre säuberliche Ordnung genau in jenem Augenblick verlieren, in welchem sich eine Türe öffnet. Alle quetschen und drängeln, wollen unbedingt einen Platz ergattern, nichtmal zum Sitzen, sondern überhaupt. Jeder will einfach nur nach Hause, wohlwissend, dass dieses Zuhause durchschnittlich noch über zwei Stunden entfernt liegt. Anstatt mir auszurechnen, welchen Anteil meiner Lebenszeit ich also bereits im Verkehr in Lima gesteckt habe, und wie niedrig diese erschreckende Summe im Vergleich zum Alltag der Limeños wirkt, mache ich etwas ganz anderes. Ich beobachte nur noch.

Vom Cerro de San Cristóbal hat man eine beeindruckende Sicht über ganz Lima.
Vom Cerro de San Cristóbal hat man eine beeindruckende Sicht über den Verkehr in Lima und die weitläufige Metropole selbst.

Manchmal stelle ich mir vor, ein Fels inmitten des Gedränges zu sein. Um mich herum läuft alles in Zeitlupe ab. Die hetzende Menschenmenge wird von Klassikmusik untermalt zu einer langsam fließenden Körpermasse.  Jeder ist für sich und doch sind alle in einer synchronen Bewegung gefangen, wie sie sich ihren Weg suchen, Schritt für Schritt das Grau durchqueren, sich anrempeln. Hupende Autos, die sich um sie herumschlängeln und sie sich um diese.

 

 

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